Dienstag, 22. Januar 2013

Jetzt werd endlich mal erwachsen und übernimm Verantwortung!

Ich dachte, es wäre mal wieder Zeit für ein paar pinke Gedanken, vermischt mit etwas Schwarz, damit ein schönes dunkles Magenta draus wird ;) Heute mal im Interviewstil :)

Verantwortung für sich übernehmen schön und gut, aber was heißt das denn eigentlich?
Ich weiß - eine vielstrapazierte Phrase, auch von mir ;) Automatisch denkt man dabei zunächst an solche Sachen wie... finanziell auf eigenen Beinen stehen, einen Job haben, zum Arzt gehen, wenn man krank ist, sich um seine Rente kümmern ("Heute schon an morgen denken" :D), Beziehungen pflegen und bei allem so cool und abgebrüht und erwachsen sein, dass es hinter einem schneit. Das ist auch alles super so und es dient der Selbstaufwertung, sich immer mal wieder vor Augen zu halten, in welchen Bereichen man schon Verantwortung für sich übernimmt. Wenn dir jetzt nur Bereiche einfallen, in denen du noch keine Verantwortung übernimmst, sondern auf andere angewiesen bist, musst du das jetzt nicht als Anlass nehmen, dich selbst abzuwerten. Du kannst natürlich, aber du musst nicht, okay? :)

Okay, ich habe einen gut bezahlten Job, viele Freunde, ein Auto, eine Frau und vier Kinder, hinter mir schneit es permantent - ich habe also die komplette Verantwortung für mein Leben übernommen.
Kann sein - oder auch nicht. Der schwierigste, weil am wenigsten greifbare Bereich, um Verantwortung zu übernehmen, sind die eigenen Gefühle. Man kann übrigens ein äußerlich sehr abhängiges Leben führen und trotzdem Verantwortung für seine Gefühle übernehmen. Das hat eins mit dem anderen nur bedingt zu tun.

Aha, Verantwortung für seine Gefühle übernehmen... was soll das jetzt wieder sein?
Es heißt, dass man weder andere Menschen, noch äußere Umstände dafür verantwortlich macht, wie man sich fühlt, sondern sie als Auslöser betrachtet, nicht als Ursachen. Die Ursache steckt in einem drin, niemand kann einem von außen ein Gefühl aufzwingen, es entsteht immer in einem. Also: Ich habe keine schlechte Laune, WEIL das Wetter schlecht ist. Sondern ich habe schlechte Laune, WENN das Wetter schlecht ist. Der erste Satz suggeriert einen ursächlichen Zusammenhang, der zweite beschreibt eher das gemeinsame Auftreten von zwei Ereignissen. Es bedeutet nicht, dass man keine schlechte Laune mehr hat und in jeder Situation cool bleibt. Es heißt einfach nur, dass man nicht mehr die Situation ursächlich mit seinem Gefühl verknüpft. Das ist schon alles.

Also bin ich selbst daran schuld, wenn ich mich über etwas aufrege, oder was?
Verantwortung für seine Gefühle übernehmen, heißt nicht, sich selbst die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, wenn es einem nicht gut geht. Sich beschuldigen enthält eine Wertung ("So darfst du nicht sein! Warum stellst du dich so an?!"), Verantwortung übernehmen heißt lediglich, das, was ohnehin da ist wahrzunehmen und zu beschreiben. Ohne Wertung. Wenn man etwas wertet, ist es ja trotzdem noch da, also kann man sich die Energie im Grunde auch sparen ;) Ich habe den Posttitel bewusst provozierend gewählt, weil das gerne so gesagt wird: "Jetzt übernimm endlich mal Verantwortung für dich!" Die Wertung liegt hier vor allem in dem Wort "endlich" und natürlich im Tonfall ;) Genau so wenig, wie man jemandem ein Gefühl aufzwingen kann, kann man ihm aufzwingen, Verantwortung zu übernehmen. Das ist etwas, das passiert, wenn man so weit ist. Und das gilt auch für einen selbst. Der Grashalm wird nicht schneller wachsen, wenn man daran zieht.

Stimmt, wenn ich daran ziehe, reißt er manchmal sogar ab...
Was man tun kann, ist einfach neugierig und offen zu schauen, wann man bereits Verantwortung für seine Gefühle übernimmt und wann nicht. Die Veränderung kommt dann von ganz allein, die muss man nicht forcieren. Im Gegenteil, das behindert sie eher. Ich finde das auch sprachlich sehr interessant, denn die Sprache gibt die Verantwortung oft ab: "Das ärgert mich." "Du machst mich glücklich." "Der ist nervig." Nix is! ;) "Ich ärgere mich" "Ich fühle mich glücklich, wenn du bei mir bist." "Ich fühle mich genervt, wenn er das und das macht." wäre wohl ein verantwortlicherer sprachlicher Umgang mit seinen Gefühlen. Es kann ganz spannend sein, einfach mal zu beobachten, wann man sprachlich die Verantwortung abgibt und wann nicht.

Und was bringt mir das eigentlich, die Verantwortung dafür zu übernehmen, wie ich mich fühle?
Der Vorteil, wenn man mehr Verantwortung für seine Gefühle übernimmt, ist, dass man unabhängiger von seinem Umfeld und den Menschen um einen herum wird. Gleichzeitig wird man auch offener für sie und ihre Sorgen. Der Nachteil ist, dass man auf sich selbst zurückgeworfen wird und sich vielleicht mit sich selbst auseinandersetzen muss, was ein sehr schmerzlicher Prozess sein kann. Manchmal zu schmerzlich. Die oben genannten Schuldgefühle sind nur ein Beispiel. Darum bringt es nichts, krampfhaft Verantwortung übernehmen zu wollen oder es von sich oder jemandem zu erwarten. Ein weiterer Nachteil ist, dass man sich für andere angreifbarer macht. (Den dritten Nachteil, der mir gerade noch im Kopf rumschwirrte, habe ich vergessen... damn it :D)

Moooment mal... das heißt, es wird also gar nicht besser, wenn ich die Verantwortung für meine Gefühle übernehme?
Es ist nicht per se besser, es ist einfach... anders. Aber es ist etwas, das - wenn man sich nicht dagegen sperrt, wenn man also so weit ist - sich ganz natürlich einstellt, und das, wenn es einmal angefangen hat, auch nicht mehr weggeht. Aber das ist ein Prozess, kein Schwarz oder Weiß. Es gibt keinen, der nie Verantwortung für seine Gefühle übernimmt, und keinen, der es komplett schafft.

Aha... darüber muss ich erstmal nachdenken. Aber angenommen, ich will trotzdem jetzt sofort mehr Verantwortung für meine Gefühle übernehmen - kann ich denn wirklich gar nichts machen, außer beobachten und abwarten?
Doch, wenn du bereit bist, kannst du schon was machen. Wann immer du das Gefühl hast, jemand anderes oder ein äußerer Umstand ist dafür verantwortlich, wie du dich fühlst, überlege dir alle Alternativen, die du in dieser Situation hast. Oft fühlt man sich in einer Situation gefangen, obwohl man es gar nicht ist. Wenn dein Nachbar dir zu laut ist, kannst du dich bei ihm beschweren, ihn fragen, ob du mitfeiern darfst, zur Hausverwaltung gehen, dich mit anderen Nachbarn gegen ihn verbünden, ihn anzeigen, umziehen oder selber noch viel mehr Lärm machen. Dir fällt bestimmt noch mehr ein. Und dann, wenn du deine Wahlmöglichkeiten kennst, kannst du dich ganz bewusst dafür entscheiden, dich über etwas aufregen zu wollen, statt etwas anderes zu tun ;)

Kommentare:

  1. Danke für den schönen Text. Du hast mit so vielen Punkten so verdammt Recht. Und es ist schön das mal so zu lesen.

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    1. Danke dir :) Ich weiß ja immer nicht, ob ich Recht habe. Das sind halt einfach so meine Gedanken und ich freu mich, dass du was damit anfangen kannst :)

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  2. Ich bin schon lange eine begeisterte Leserin deines Blogs, und jetzt will ich dir endlich auch mal einen Kommentar hinterlassen. Und weil dieser hier einer meiner Lieblingstexte von dir ist, schreib ich jetzt hier drunter. Ich finde es sehr wichtig, Verantwortung für seine eigenen Gefühle zu übernehmen, und du hast es wirklich schön formuliert! Mach weiter so!

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